Man merkt, Sie altert. Sie wird vergesslich.
Doch Sie leugnet es.
Ich: Er hat die Beschreibung in den Schrank gelegt, nach dem du sie ihm in die Hand gedrückt hast.
Sie: Da wär’ ich mir nicht so sicher. Du hast sie gehabt und dann hast du sie irgendwohin geschmissen.
Ich (genervt): Nein, frag doch Ihn! Du irrst dich, ich hatte sie nicht!
Sie: Ich muss ihn gar nicht fragen, das weiß ich auch so!
Ich: Guck doch in den Schrank!
Sie (angriffslustig): Gerne, du wist sehen, da liegt sie nicht!
Ich (gucke in den Schrank, nehme die Bedienungsanleitung heraus und wedle damit herum): Siehst du, da ist sie! Und ich hab sie da nicht hingelegt!
Sie: Dann hat irgendjemand sie da später hingeräumt, aber ich weiß sicher, dass du sie hattest!
Ich: verlasse entnervt den Raum, weil ich genau weiß, das man mit ihr über solche Dinge nicht streiten kann.
Es macht mich traurig, mit ansehen zu müssen, wie sie altert. Und es ärgert mich, wenn solche Dinge passieren. Sie muss ja auch immer Recht behalten! Anderseits könnte sie ja mal einsehen, das sie vergesslicher wird.
Altern kann man nicht aufhalten, doch man kann sich daran gewöhnen, und das fällt mir schwer. Sie altert nicht nur äußerlich, auch ihr Körper, ihr Gedächtnis altern. Sie klagt über Rückenschmerzen, Hüftschmerzen, Herzschmerzen. Aber zum Arzt? Nein, warum auch, sie ist doch nicht ernsthaft krank…
Ganz anders Er. Er fühlt sich nur wohl, wenn er zum Arzt geht. Meist einmal in der Woche oder öfter. Das scheint Ihm ein Gefühl der Sicherheit zu geben, wenn die “Götter in Weiß” Ihm versprechen er sei gesund. Doch das tun sie nicht immer. Inzwischen ist sein Herz ein Motor. Der Herzschrittmacher sein Benzin. Wenn es nicht vorhanden ist, bleibt der Motor stehen. Für immer. Eine Wahrheit, die Er nicht zu verkraften scheint.
Zwischen Ihm und Ihr gibt es ständig Streit. Er wird aggressiv, fühlt sich gleich angegriffen, Sie beschimpft ihn machmal leise als Arschloch. Doch trennen, nach 45 Jahren Ehe? Nein, hat man ja früher auch nicht gemacht.
Die Zeit nagt an ihnen, die Last drückt auf ihre Seele, auf ihren Körper und es entstehen Risse. Irgendwann zerbrechen sie. Ganz langsam und qualvoll. Und ich steh daneben. Schaue zu. Unfähig etwas zu ändern, weil ich keinen Kleber kenne, der ihre Risse wieder zusammenfügt, außer die Zeit zurück drehen. Es verletzt mich, wenn Er Sie verletzt, doch er verletzt auch mich. Durch Worte durch Gesten. Bin wütend auf Ihn, doch ich will nicht und kann doch nicht verzeihen, zu viel hat er schon zerbrochen. Sie sagt immer:” Ich bin die Gitarre, und er zerreißt die Seiten.” Wir führen alle ein eigenes Leben, aneinander vorbei. Er achtet nicht mehr auf andere Dinge, nur noch auf sich. Auf seine Fehler und Vergänglichkeit. Als sie ihn operiert haben, haben sie sein Herz nicht am Leben gehalten, sie haben es zerbrochen. Rissig war es schon vorher doch nun ist es kaputt. Er verletzt uns und merkt es nicht. Vielleicht will er uns etwas heimzahlen.
Längst gehört Er nicht mehr zu uns. Sie und Er sich küssen, ein ehrliches Kompliment machen, eine liebe Geste? Undenkbar. Er ist alleine. Sein Zimmer, die Zeitung, die Tagesschau. Täglich. Zum Mittagessen sitzen wir meist zusammen. Und meist gibt es Streit. Jeder wird mal von Pfeilen getroffen, doch Er fühlt sich immer verletzt. Aber tut doch so als sei er kalt. Gefühlskalt. Leer.
Ich traue mich nicht, in diese Leere hineinzuhorchen, um zu suchen, was sie verursacht hat. Meine Wunden sind noch frisch. Außerdem kann ich mir denken, was ihn zerbrochen hat, außer dem Motor, was auch Sie zerfrisst: C..
Seine erste Tochter. Sein Ebenbild. Gute Noten, bildhübsch. Begabt. Sie “funktionierte”. Er liebte sie. Sie war frühreif, beliebt bei den Jungs. Kein Grund zu Sorge. Bis sie “abstürzte”. Alkohol. Job weg. Die Diagnose dahinter: Psychose. Außerdem Bulimie.
Das Bild zerbrach. Die Farbe blätterte ab und zum Vorschein kam das, was niemand erahnt hatte.
Therapie, ein Neuanfang. Doch alles blieb beim Alten. Alkohol, Angst, Hass auf die jüngere Schwester, brechen, Dünnsein, Männergeschichten.
Das ist der Stand der Dinge bis heute.
Sie kann es nicht fassen. Ihre Tochter! Versucht zu helfen: neue Therapien, besserer Betreuer, andere Medikamente, immer mit ihr reden. Doch C. weigert sich. Meint, sie wäre nicht krank. Sie sagt:”Irgendwann helfe ich dir nicht mehr, dann kannst du mit den Pennern auf der Straße schlafen” Doch das wir nie geschehen.
Er ist kalt. Tut so, als wäre C. ihm egal. Wenn sie ihn beschimpft, wenn sie von ihm Geld will, kann Er schon mal laut werden. Er ist unfreundlich zu ihr. Will mit ihr nichts zu tun haben. Vielleicht hat er Angst, erneut verletzt zu werden.
Was würdet ihr in solch einer Situation tun?
Als Randfigur, die nicht direkt mitwirkt?
P.S.: Sorry, ist ein bisschen lang geraten, aber ich musste das mal loswerden. Wird es doch sonst geflissentlich von allen Beteiligten verschwiegen.
P.S.: Wer einen Rechtschreibfehler findet, der darf ihn behalten!